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Mit Kampfgewicht in 40.000 Fuß Höhe

Vidsel Test Range/Schweden, 28.09.2017.

Die Eurofighter-Test-Kampagne in Schweden steht kurz vor ihrem Abschluss. In funktionellen Untersuchungen stieg das Kampfflugzeug bereits mit der Präzisionswaffe GBU-48 in die Luft. Die Einsatzprüfung enthält aber auch taktische Anteile…

Zum ersten Mal startete ein Eurofighter der Luftwaffe mit vier – jeweils 500 Kilogramm schweren – Präzisionsbomben vom Typ GBU-48 in die Luft. Das sind zwei Tonnen Extragewicht, die die Startstrecke und weitere Leistungsparameter beeinflussen. Oberstleutnant S. ist Leiter der Gruppe zur Weiterentwicklung von Taktik, Technik und Verfahren (TTVG) im Taktischen Luftwaffengeschwader 31“Boelcke“ aus Nörvenich. Er kann auf einige Jahre als Tornado-Pilot in der Jagdbomber-Rolle und insgesamt rund 2800 Flugstunden zurückblicken und leitet den taktisch-operativen Anteil der Einsatzprüfung in Vidsel.

Minutiös geplante Flugmanöver

„Der erste Start mit voller Bombenlast war schon beeindruckend. Hier im Luftraum der Testrange konnten wir gleich nach dem Start auf 40.000 Fuß Höhe steigen. Was etwa zwölf Kilometer sind. Trotz der Zuladung war der Jet noch sehr agil und man musste aufpassen, dass man zwischendurch nicht zu schnell wurde“, sagte Oberstleutnant S. nach seiner Landung. Zur Überprüfung des Flugverhaltens wurden zahlreiche Manöver ausgeführt und dokumentiert. „Das setzt minutiöse Flugplanung voraus. Der Flug selbst nimmt gegenüber Planung, Auswertung und Dokumentation nur einen ganz geringen Teil ein. Nach Debriefing und Auswertung fängt die Arbeit erst richtig an, wenn die Dokumentation erstellt werden muss“, meinte der erfahrene Pilot. In Zusammenarbeit mit Auswertern von der Technik wird alles genau rekonstruiert. Für die Auswertung des Laserzielbeleuchters (LDP – Laser Designator Pod), der in der Mitte unter dem Rumpf des Eurofighters montiert wird, sind die Spezialisten von der Laserwerkstatt zuständig. Zusammen mit den Piloten prüfen sie, ob das Ziel richtig markiert wurde und die Zielkoordinaten korrekt sind.

Insgesamt waren vier GBU-48 am Eurofighter angebracht.
Insgesamt waren vier GBU-48 am Eurofighter angebracht. (Quelle: Luftwaffe/Metternich)Größere Abbildung anzeigen

„Laserwerkstatt“ auf Reisen

Hauptfeldwebel Simon P. ist einer der Soldaten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 31 "Boelcke", die auf der Kampagne dafür sorgen, dass der Laserzielbeleuchter (LDP) für die geplanten Einsätze unter dem Rumpf des Eurofighters immer einsatzbereit ist. Eingesetzt ist er in einer Teileinheit der Instandsetzungs- und Elektronikstaffel. In der „Laserwerkstatt“ – wie dieser Bereich auch genannt wird – werden LDP und der RECCE LIGHT Aufklärungsbehälter gewartet. Seit 2006 ist Hauptfeldwebel P. in Nörvenich stationiert und kann noch auf seine Erfahrungen mit dem Tornado zurückgreifen. „In dieser unbewohnten Gegend hier kann der LDP endlich mal aktiv betrieben werden. Das ist im dicht besiedelten Deutschland aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Daheim können wir ihn nur unter Laborbedingungen in unserer Werkstatt testen“, beschreibt er die Kampagne für ihn und die Kameraden seiner Teileinheit. Neben der Funktionsüberprüfung des Laserzielbeleuchters am Boden, wertet er auch die Aufzeichnungen des Fluges aus. Das sei für ihn sehr aufschlussreich und zeige die Genauigkeit des Systems.

Für den Wechsel des Datenträgers am Laser Designator Pod (LDP) ist ein Techniker nötig.
Für den Wechsel des Datenträgers am Laser Designator Pod (LDP) ist ein Techniker nötig. (Quelle: Luftwaffe/Metternich)Größere Abbildung anzeigen

„Langsamer ist besser“

So formulierte es Mike Ságh. Er ist einer der zivilen Spezialisten, die bei der Wehrtechnischen Dienststelle 61 (WTD 61) in Manching angestellt sind. Bereits seit 17 Jahren ist Ságh dort Fachmann. Als Luftfahrzeugwaffen- und Munitionsmechaniker trägt er die Verantwortung für alles was Flugzeugbewaffnung und Munition betrifft. Angefangen hatte er als Luftfahrzeuggerätemechaniker, bevor er den Weg in die vierjährige Spezialisierung zum „Munitioner“ einschlug. Auf der Kampagne in Schweden setzt er die Präzisionsbomben vom Typ GBU-48 zusammen. Denn sie werden in einzelnen Komponenten geliefert. „Suchkopf mit Steuereinheit, Bombenkörper und Stabilisierungsflossen werden erst kurz vor dem Einsatz zusammengebaut und genauestens überprüft, bevor sie am Jet montiert werden“, beschreibt Mike Ságh seine Aufgaben vor Ort. „Es ist lebenswichtig, dass wir mit den Waffen sorgfältig und genau nach Vorschrift arbeiten. Da ist es besser langsam und sicher vorzugehen“, so der Spezialist.

Die Präzisionswaffe GBU-48 wird in einzelnen Komponenten geliefert, die erst noch montiert werden müssen.
Die Präzisionswaffe GBU-48 wird in einzelnen Komponenten geliefert, die erst noch montiert werden müssen. (Quelle: Luftwaffe/Metternich)Größere Abbildung anzeigen

Für Mike Ságh sind die Einsätze auf der Vidsel Test Range bisher der Höhepunkt seiner Arbeit mit der Präzisionswaffe GBU-48. Seit Beginn ihrer Einführung im Jahr 2014 hat er die Tests damit am Eurofighter begleitet und kennt die Waffe in- und auswendig. Ihm zur Seite steht Stabsfeldwebel Markus Pollmeier. Er ist vom TaktLwG 31 "B" und ein „alter Hase“ im Umgang mit Luftfahrzeugbewaffnung. Zudem kann er auf Erfahrungen mit dem Waffensystem Tornado zurückgreifen. „Es ist wichtig, dass wir konzentriert, in Ruhe und ohne Hetze, arbeiten können, sonst wird es gefährlich“, meinte der gelernte Feuerwerker aus Nörvenich. Auch das Personal des schwedischen Gastgebers Försvarets Materielverk – Swedish Defence Materiel achtet darauf, dass alle Telemetrie-Systeme und Kameras auf dem Schießplatz der Test Range einsatzbereit sind.

Eine GBU-48 Präzisionsbombe kurz vor dem Einschlag ins Ziel.
Eine GBU-48 Präzisionsbombe kurz vor dem Einschlag ins Ziel. (Quelle: FMV/WTD 61)Größere Abbildung anzeigen

Im Kontrollzentrum wird alles überwacht

Es herrscht gedämpfte Atmosphäre. Im abgedunkelten Kontrollraum sitzen mehrere Personen vor ihren Monitoren. Es ist das Funktionspersonal der Vidsel Test Range. Daneben reihen sich die Spezialisten der Bundeswehr ein. Zu ihnen gehört Stefanie Nübel. Sie ist Flugversuchsingenieurin bei der WTD 61. Als technische Leiterin der Testkampagne ist sie verantwortlich für die genaue Koordination der Testflüge. Das reicht von den gewünschten Flugprofilen, über die erforderliche Beladung, bis hin zu den Startzeiten der Jets. „Hier in der Kontrollzentrale können wir alle Flugdaten überwachen. Das gilt sowohl für den Eurofighter als auch für die Bombe, wenn sie vom Eurofighter abgeworfen wurde. Mit dem Begleitflugzeug kontrollieren wir das Abgangsverhalten der Waffe. Über die Telemetrie-Daten verfolgen wir die Waffe bis zum Einschlag und können anhand der Videokameras live sehen, wie genau die Bombe trifft“, verriet sie über den Ablauf der Einsätze. Die verschieden Profile sehen Abwürfe mit GPS- und/oder Laser-Steuerung vor. Hinzu kommen Mehrfachabwürfe, bei denen bis zu vier GBU-48 vom Eurofighter in Folge abgeworfen werden. „Jetzt sieht der Eurofighter aus wie ein richtiger Kampfjet“, kommentierte die Ingenieurin den Anblick des mit vier GBU-48 beladenen Eurofighters. Dass das Kampfflugzeug jetzt auch in der Luft-Bodenrolle eingesetzt werden kann, ist ein weiterer Meilenstein für das Waffensystem und der umfassenden Ausschöpfung all seiner Fähigkeiten.

Im Kontrollzentrum in Vidsel werden alle Flugparameter überwacht.
Im Kontrollzentrum in Vidsel werden alle Flugparameter überwacht. (Quelle: Luftwaffe/Metternich)Größere Abbildung anzeigen

Das Ziel ist in Sicht

Auch wenn die Einsatzprüfungen noch nicht ganz abgeschlossen sind, kann bereits ein positives Fazit gezogen werden: „Noch haben wir nicht alles verifiziert und einige Überprüfungen stehen noch aus, aber einen Großteil der Tests konnten wir hier in Vidsel bereits abschließen. Das hat uns um Einiges weiter nach vorne gebracht, auf den Weg zur vollen Luft-Boden-Befähigung des Eurofighters. Allerdings haben wir auch einige Punkte identifiziert, die einer Nacharbeit bedürfen“, äußerte sich der Technische Regierungsdirektor, Michael Gauckler, von der WTD 61 zu den bisherigen Ergebnissen und Erkenntnissen zufrieden. Er leitet die Test-Kampagne in Vidsel. Für die Luftwaffe ist dieses Ergebnis von großer Bedeutung. Denn ab dem nächsten Jahr ist das TaktLwG 31 Teil der NATO Response Forces (NRF), der schnellen Eingreifgruppe des Bündnisses, in der Multi-Role (Luft-Luft- und Luft-Boden-Fähigkeit).

Eurofighter testen das Flugverhalten mit GBU-48 Laserbomben in großer Höhe.
Eurofighter testen das Flugverhalten mit GBU-48 Laserbomben in großer Höhe. (Quelle: FMV/WTD 61)Größere Abbildung anzeigen


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Stand vom: 28.11.17 | Autor: Ulrich Metternich


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