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Lautlos aus den Wolken – Die "alte Lady" kann es noch

Slowenien, 11.06.2019.

3.000 Meter über Rumänien. Der Laderaum der Transall der deutschen Luftwaffe ist in gespenstisches Rotlicht getaucht. Die Heckrampe öffnet sich. Eiskalte Luft dringt ins Flugzeuginnere. Eine Sirene heult. Eine rote Lampe springt auf grün. Jetzt dauert es nur Sekunden: Zwölf schwer bepackte Männer rennen auf die Rampe zu und verschwinden im hellen Nichts. Schwarze Pünktchen, fern auf der weißen Wolkendecke. Alle Fallschirme haben sich geöffnet, lautlos gleiten die Soldaten davon.

Die Fallschirmjäger lassen sich fallen. Unter ihnen gespenstisch rote Wolken.
Die Fallschirmjäger lassen sich fallen. Unter ihnen gespenstisch rote Wolken. (Quelle: Luftwaffe/Francis Hildemann)Größere Abbildung anzeigen

Eine Szene aus der multinationalen Luftlandeübung „Swift Response 2019“, die bis zum 20. Juni in Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Ungarn stattfindet. „Vorauskräfte“ nennen sich die Fallschirmjäger, die sich mit rund 60 Kilogramm Gepäck, Gewehr und Funkgerät in die Tiefe gestürzt haben. Ihr Auftrag: Unbemerkt den mutmaßlich feindbesetzten Flughafen in Boboc aufklären. Damit ist die erste deutsche Operation bei „Swift Response“ gestartet – erfolgreich ausgeführt von einer Transall des Lufttransportgeschwaders 63 aus Hohn und dem Fallschirmjägerregiment 26 aus dem pfälzischen Zweibrücken.

Ein letztes Durchatmen vor dem Sprung.
Ein letztes Durchatmen vor dem Sprung. (Quelle: Luftwaffe/Francis Hildemann)Größere Abbildung anzeigen

Der Name der Übung „Swift Response“ unter US-Kommando, an dem die Luftwaffen von acht Nationen teilnehmen, beschreibt den Auftrag: Trainiert werden soll eine „rasche Antwort“ auf den Angriff gegen ein NATO-Mitgliedsland. Gleichzeitig ist es als deutliche Warnung gemeint, dies niemals zu versuchen. Die Übung zeigt, dass NATO und deutsche Luftwaffe immer besser in der Fähigkeit werden, schnell starke Kräfte in ein bedrohtes Land an der Außengrenze des Bündnisses zu entsenden. Außerdem dient sie auch dazu, dass die Streitkräfte verbündeter Nationen noch besser zusammenarbeiten.

Die olivgrüne Zeltstadt – Base der Deutschen

„Es läuft wie am Schnürchen“, sagt der niederländische Oberstleutnant Ron Dresen. Er gehört dem Stab der deutschen Division Schnelle Kräfte an. Die deutschen und niederländischen Soldaten ziehen in eine olivgrüne Zeltstadt im Fliegerhorst Cerklje ob Krki ein. Nein, das Korrektursystem hat keinen Hitzschlag. So heißt der Militärflugplatz im idyllischen Slowenien, der die deutsche Drehscheibe für die Übung „Swift Response“ bildet – in NATO-Sprache: die Initial Staging Base.

Bei hochsommerlichen Temperaturen bereiten sich hier rund 400 deutsche Soldaten von Luftwaffe und Heer auf ihren Sprung vor. Ihr Ziel: Das laut Übung 2.000 Kilometer entfernte und bedrohte Rumänien. Auf dem Rollfeld parken in der Sonne drei A400M und eine Transall. In einer Zeltstadt wenige Meter entfernt überprüfen deutsche und niederländische Fallschirmjäger ein letztes Mal Waffen und Ausrüstung. Die Landung zweier weiterer Transall und einer amerikanischen C-130 Hercules steht unmittelbar bevor.

Unterschiedliche Generationen – unterschiedliche Fähigkeiten. Die Transall und der Airbus A400M.
Unterschiedliche Generationen – unterschiedliche Fähigkeiten. Die Transall und der Airbus A400M. (Quelle: Luftwaffe/Francis Hildemann)Größere Abbildung anzeigen

In acht Flügen hatten die drei A400M deutsche und niederländische Soldaten und ihr Material nach Cerklje ob Kriki geflogen. Von dort aus werden sie später durch eine Transall zum Absprung nach Rumänien gebracht. Ihr Einsatz wird durch die Vorauskräfte vorbereitet. Sie klären erstmal die Feindlage rund um Boboc auf und bereiten die folgende Landung der Kameraden in Rumänien vor.

Die „alte Lady“ in Rumänien

Um 17:52 Uhr, draußen ist es noch mehr als 30 Grad warm und schwül, startet die Transall in Cerklje ob Krki. „Wir stellen ein solches Kommando wie einen Baukasten für unseren Befehlshaber zusammen, zum Beispiel mit einem Forward Air Controller zur Zielzuweisung von Kampfflugzeugen, einem Sanitäter oder einem Combat Control Team, das den Absetzplatz erkundet“, berichtet der Einsatzoffizier der Fallschirmjäger. Auch die Größe des Teams sei deshalb variabel. Noch an Bord berechnet er, den letzten Wetterbericht im Blick, via Satellitenverbindung per Laptop die genaue Absetzrichtung und -höhe für seine Soldaten und gibt sie an die Besatzung weiter.

Volle Konzentration – die Vorauskräfte kurz vor dem Sprung.
Volle Konzentration – die Vorauskräfte kurz vor dem Sprung. (Quelle: Luftwaffe/Francis Hildemann)Größere Abbildung anzeigen

Lautlos aus den Wolken

HAHO heißt das Verfahren heute: High Altitude and High Opening. Auf Deutsch: Absprung aus großer Höhe und sofortiges manuelles Öffnen des Schirms. So können die Fallschirmjäger über weite Entfernung hinweg unbemerkt an ihr Ziel herangleiten. Die deutsche Luftwaffe verbessert – das ist ihr Ziel bei „Swift Response“ – weiter intensiv ihre Fähigkeiten, taktische Einsatzverfahren realitätsnah und in enger Zusammenarbeit mit den Alliierten anzuwenden.

Die Transall mit dem Kennzeichen 50+51 ist Baujahr 1970, also älter als der Großteil der siebenköpfigen Flugzeugbesatzung. Doch die Maschine erledigt solche Aufträge immer noch zuverlässig. „Es ist beeindruckend, was sie noch kann und wie überlegt sie damals konstruiert worden ist“, sagt der taktische Systemoffizier. Er ist unter anderem für die Selbstschutzanlage des Transporters zuständig. Die Transall ist weiter im Dienst. Notebooks ergänzen die Bordtechnik. Demnächst müssen die Funkgeräte für den neu eingeführten europäischen Standard modernisiert werden.

Ein letzter Check. 60 Kilogramm Gepäck – alles sitzt.
Ein letzter Check. 60 Kilogramm Gepäck – alles sitzt. (Quelle: Luftwaffe/Francis Hildemann)Größere Abbildung anzeigen

Zwölf Mann allein in Rumänien

Es ist inzwischen stockfinster in Slowenien und es regnet heftig. Nach rund fünf Stunden sehen die Piloten die hellen Lichter der Landebahn von Cerklje ob Kriki. Blitze zucken vom Himmel. Die 50+51 landet, zwölf Mann leichter, wieder sicher auf der Base. Für heute ist damit Dienstunterbrechung. Vor den Fallschirmjägern in rund 2.000 Kilometern Entfernung liegt dagegen eine lange und schweißtreibende Nacht: Sie schleichen mit Nachtsichtbrillen auf „Drake“, den Flughafen Boboc, zu und melden ihre Beobachtungen. Bereits in wenigen Stunden wird es zur Überraschung des Gegners hunderte Fallschirme regnen, wenn die alten Ladys wieder in die Wolken steigen.


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Stand vom: 25.06.2019 | Autor: Helmut Michelis


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