Toxic Trip: 600 Soldaten, 15 Nationen und 39 Spezialaufgaben

Villafranca di Verona, Italien, 30.09.2019.

Der Pilot atmet schwer, als er mit geschlossenem Helm aus dem Tornado-Cockpit klettert. Oben auf der Treppe am Jet wartet bereits ein Soldat in ABC-Schutzausrüstung und hilft dem Verletzten. Unten stehen zwei weitere Spezialisten. Sie verpacken den Piloten ohne Zeit zu verlieren in einen Transferanzug. Plastik von Kopf bis Fuß. So wird er in ein Militärfahrzeug gepackt und sofort ins Sanitätszelt gebracht, wo Ärzte schon auf den kontaminierten Patienten warten.

Der ABC-Trupp nimmt den Piloten in Empfang.
Der ABC-Trupp nimmt den Piloten in Empfang. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

Das ist nur eine von 39 Aufgaben, sogenannten Szenarien, wie sie diese Woche bei der NATO-Übung Toxic Trip in Villafranca di Verona gelöst werden müssen. Ausgedacht hat sich das ein internationales Expertenteam um Hauptmann Carsten Markert. Der 55-jährige Luftwaffenoffizier ist Exercise Director und ein alter Hase im toxischen Spezialgebiet. Seit 1985 beschäftigt er sich mit der Abwehr von chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Waffen, in Fachkreisen CBRN genannt. „Ich bin Manager, Diplomat und Maschinist“, fasst er seinen Job bei Toxic Trip zusammen, die weltweit wichtigste ABC-Abwehrübung der Luftstreitkräfte der NATO.

Exercise Director Hauptmann Carsten Markert multinational unterwegs.
Exercise Director Hauptmann Carsten Markert multinational unterwegs. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

„Dabei hatte vor 25 Jahren alles ganz klein als Workshop angefangen. Auf freiwilliger Basis“, erzählt der Soldat, der nach seinem Wehrdienst bei der Bundeswehr „hängengeblieben ist“. Jedes Jahr findet sie woanders statt. 2019 sind die Italiener Gastgeber und das stärkste Kontingent. Gleich danach kommen die Deutschen. ABC-Offiziere, -Feldwebel und -Mannschaftssoldaten von allen fliegenden Verbänden der Luftwaffe, der Flugabwehr, den Einsatzführungsbereichen, Marinesoldaten, Sanitäter und Ärzte, die ABC-Spezialisten der Streitkräftebasis aus Bruchsal.

Auch gut auf kontaminierte Piloten eingestellt: Das Sanitätslehrregiment aus Feldkirchen.
Auch gut auf kontaminierte Piloten eingestellt: Das Sanitätslehrregiment aus Feldkirchen. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

Auf der Air Base Villafranca di Verona geht ein weiterer Notruf ein: ein kontaminierter Hubschrauber ist abgestürzt und muss geborgen werden. Das nächste anspruchsvolle Szenario startet, zu dem ein ABC-Trupp ausrücken muss. 15 Nationen lösen solche Aufgaben momentan gemeinsam und in gemischten Teams. „Wir üben, unser Personal und Material zu verlegen, Sprachbarrieren zu überwinden und uns gemeinsam auf Einsätze vorzubereiten“, erklärt Exercise Director Carsten Markert. „Und was sehr wichtig ist: Wir überprüfen unsere Leistungen, geben über Ländergrenzen hinweg Hilfestellung für Verbesserungen und setzen NATO-Standards“, fährt er fort.

Das deutsche Kontingent ist das zweitgrößte bei Toxic Trip 2019.
Das deutsche Kontingent ist das zweitgrößte bei Toxic Trip 2019. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

Hauptmann Markert diskutiert gerade mit Major Josef Spurny über das nächste Übungselement. Da müssen Soldaten verschiedener Teilstreitkräfte zusammenarbeiten: dieses Mal die Marine und Streitkräftebasis. Der tschechische Offizier ist Lessons Learned Analyst und wertet die Ergebnisse und Erfahrungen der Übung für die NATO aus. Seine Bestandsaufnahme ist eher ernüchternd: „Wir haben in den vergangenen Jahren in allen Ländern zu sehr an Material und Personal gespart. Gerade im ABC-Bereich. Und jetzt müssen wir hart daran arbeiten, dass wir dieses Wissen nicht komplett verlieren.“

Alles im Blick: Major Josef Spurny (links) wertet die Ergebnisse von Toxic Trip für die NATO aus.
Alles im Blick: Major Josef Spurny (links) wertet die Ergebnisse von Toxic Trip für die NATO aus. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

Markert nickt zustimmend. „Auch die Luftwaffe hatte vor einigen Jahren noch zwei ABC-Kompanien bei den Objektschützern und Profis in allen Luftwaffenverbänden. Jetzt fehlen uns solche Fachleute in der Luftwaffe an allen Ecken“, sagt er und fügt hinzu: “ Die Landes- und Bündnisverteidigung ist jetzt wieder enorm wichtig. Dazu gehört auch die ABC-Abwehr. Wir bauen unsere Fähigkeiten dafür gerade wieder auf. Die Umsetzung wird aber sehr langsam und mühsam sein und es wird noch lange dauern, bis wir in diesem Bereich wieder voll einsatzbereit sein werden.“

Der neue Mann für Toxic Trip 2020: Der Franzose „JC“.
Der neue Mann für Toxic Trip 2020: Der Franzose „JC“. (Quelle: Luftwaffe/Jana Neumann)

Das wird sein Nachfolger im Auge behalten müssen. Denn Hauptmann Markert wird 2021 in den Ruhestand gehen. Folgen wird dann bei Toxic Trip der Franzose Captain Jean-Christophe vom 64ème Escadre de Transport in Evreux. Aber auch der 42-Jährige mit dem Spitznamen „JC“, der zum neunten Mal bei der Übung dabei ist, sieht es realistisch: “Trotz knapper Mittel und wenig Personal machen wir NATO-weit ein Training auf hohem Niveau. Aber die politische Lage hat sich verändert und wir müssen auch im ABC-Bereich vorbereitet sein!“

Video: Opening Ceremony Toxic Trip